Wenn man sich nicht mehr nicht wundern darf

Gestern hat mir ein Freund-in-Echt erzählt, dass er seinen harmlosen Amerika-kritischen Kommentar auf Facebook gelöscht hat, weil er demnächst in die U.S.A. reist. Man will ja keinen Ärger bekommen. Ich bin sicher, dass es genau das ist, was ein System erreichen will, das auf Überwachung und weit angelegte Kontrolle setzt. Sie wollen, dass wir nicht mehr meckern. Das macht uns zu leichten, leisen Schafen.

Mäh!

[EDIT 11:30 Uhr]

Gestern habe ich mit einem Schaf Freund gesprochen.

In den letzten Wochen kostete es mich neuerdings selbst auch vergiftete Denkzeit, wenn ich eine Meinung niederschrieb. Ich denke neuerdings Gedanken, die vorher nicht da waren. Das haben die schon mal erreicht. Tatsächlich muss ich nun immer kurz darüber hinwegdenken, was mir passieren könnte, wenn der Falsche Böse liest, dass ich A denke, B doof finde oder mich über C ärgere. Schließlich könnte ich ja irgendwann mal wieder nach New York reisen wollen, oder sogar nach Moskau? Ich halte inne und gerate in die Gefahr, vorsichtig und leise zu werden. Ein totales Schaf zu werden.

[/EDIT]

So viel zu: Ich hab‘ nichts zu verbergen.

Das erste, das wir verbergen, ist die PIN unserer EC-Karte, das zweite die Partei, wie wir gewählt haben und das dritte unsere kritische Meinung.

Es geht aber noch schlimmer, als dieses Nichts-zu-verbergen-Mantra, das die Abhör-Immunen vor sich herplappern.

Noch schlimmer ist: Wundert Dich das wirklich?

Es wundert mich nicht

Hat man damit rechnen können, dass die U.S.A. alles mitliest und uns digital rastert? War es zu erwarten, dass U.S.A.-Regime-kritische Autoren an der amerikanischen Grenze zurückgewiesen werden? Kann man sich vorstellen, dass die deutsche Regierung schon lange davon weiß und es unterwürfig duldet? Würde es uns wundern, wenn der deutsche Geheimdienst es genauso macht?

Wundert Dich das?

In der Tat wundert es mich, dass der amerikanische Geheimdienst, die NSA jede(!) unserer E-Mail liest und auswertet, selbst leise Kritiken sanktioniert und die deutsche Regierung sich nicht schützend um unser Briefgeheimnis kümmert – über ausbleibende Empörung will ich gar nicht erst klagen.

Aber vieles wundert mich nicht.

New York, April 2004  - PEACE FALLS IN TERROR
New York, April 2004 – PEACE FALLS IN TERROR

Mich wundert es nicht, wenn Geheimdienste es nicht ganz so genau nehmen mit der Privat- und Intimsphäre. Mich wundert es nicht, dass es Frauen und Männern nicht gelingt, die Grenze zwischen Vagina und Penis auch nur einen Millimeter zu verrücken. Mich wundert es nicht, wenn Amerika doppelzüngig über Freiheit spricht. Mich wundert es nicht, wenn Deutschland und die Welt dieses nahezu kommentarlos hinnimmt. Mich wundert es nicht, dass viele Menschen noch rauchen, obwohl es deren Leben durchschnittlich garantiert um 7 bis 10 Jahre verkürzt. Mich wundert es nicht, wenn sich vor Fußballstadien aggressiv explodierende Banden treffen, um sich gegenseitig zu verprügeln. Mich wundert es nicht, dass wir in den letzten Jahren trotz aller Technik keine einzige Sekunde Freizeit dazu gewonnen haben. Mich wundert nicht, dass es niemandem gelingt, den Krebs auszurotten. Mich wundert es nicht, wenn Verschwörungstheoretiker behaupten, es gäbe weder Krebs noch Aids. Mich wundert es nicht, dass in 30-Zonen immer wieder wie auf Autobahnen gefahren wird. Mich wundert nicht, dass sie bei ihm bleibt, obwohl sie seit Jahren weiß, dass er eine andere hat. Mich wundert es nicht, falls unsere Kinder irgendwann wegen unserer offenen Meinung diskriminiert werden. Mich wundert nicht, dass es immer wieder Frauen gibt, die den Versprechen von Menschenhändlern zum Opfer fallen, um dann für billiges Geld von wohlhabenden Nachbarn aus Deiner Straße vergewaltigt zu werden. Mich wundert es nicht, dass es zu jeder These eine Antithese gibt. Mich wundert es nicht, dass sich die mächtigsten Frauen und Männer regelmäßig mit einem Lächeln begegnen, obwohl sie von ihren gegenseitig Niedertrachten wissen. Mich wundert es nicht, dass sich keiner rührt, obwohl das Kind nebenan immer dunkle Ränder unter den Augen und blaue Flecken an Armen und Beinen hat. Mich wundert nicht, dass das Olympische Komitee kommentarlos Spiele in Diktaturen und radikalen Staaten veranstaltet. Mich wundert es nicht, wenn in Kirchen passiert, was insbesondere da nicht passieren sollte und deren Führung das weitestgehend ignoriert. Mich wundert es nicht, dass wir Kleidung und Technik kaufen, obwohl wir wissen, dass dieser Luxus das Blut und die Gesundheit armer Völker kostet. Mich wundert es nicht, dass manche Ärzte zwei Wartezimmer haben, eins mit Ledersofa und eins ohne. Mich wundert es nicht, wenn drei junge Menschen einer hilflos am Boden liegende Rentnerin in der U-Bahn immer wieder ins Gesicht treten. Mich wundert es nicht, dass die Welt Geld für Raumschiffe hat, aber nicht für Brot und Reis. Mich wundert es nicht, falls Nadeschda Andrejewna Tolokonnikowa nie wieder auf freien Fuß kommt und im Gulag stirbt. Mich wundert es nicht, dass diese Liste menschlicher Verfehlungen und Ohnmachten endlos weitergehen kann.

Mich wundert es nicht, dass sich immer jemand findet, der das, was ich gerade tue, sage oder denke, doof findet.

Das alles wundert mich nicht.

Das alles finde ich aber schade.

Vieles sogar richtig scheiße.

Zum Beispiel, dass Amerika meine E-Mails liest.

Egal, wen es nicht wundert.

Mäh!

Eine Antwort auf „Wenn man sich nicht mehr nicht wundern darf“

  1. Mich wundert es nicht, dass ich nicht mehr jedes mal erneut laut aufheule, wenn mir das oben beschriebene entgegen kommt. Keiner kann sich auf Dauer fortgesetzt ereifern, nicht einmal dann, wenn er Saulus Kohlhas hieße.
    Aber punktuell! Und oft genug!
    Danke Stefan! H

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