Was sind schon fast 100 neue Schallplatten?

Kurz bevor ich Mitte der 80er Jahre volljährig wurde, kamen die CDs auf den Markt, die Compact Discs, auf denen Musik digital gespeichert wurde – bis zu 74 Minuten; angelehnt an die Dauer einer Aufnahme von Beethovens Neunter Sinfonie, die da drauf passen sollte.

Bis dahin hatte ich aus Kindheit und Jugend vielleicht 200, 300 Schallplatten aus Vinyl, die ganze Welt hatte noch viel mehr. Jahrzehntelang war Musik auf Schallplatten gepresst, gekauft, gekauft, gekauft und ausgeliehen und auf Cassetten aufgenommen worden.

Das beste Album aller Zeiten (Nietzsche)
Das beste Album aller Zeiten (Nietzsche)

Schallplatten liefen auf Geräten mit riemengetriebenen oder direkt angetriebenen Tellern, die je schwerer umso besser waren. Die Tonarme drehten sich in großem Radius bis (fast) zur Plattenmitte oder blieben tangential zur Platte und schoben sich langsam bis zum letzten Song.

Das Rauschen auf den Magnetbändern in den Cassetten wurde durch Dolby B oder Dolby C unterdrückt. Die Cassetten spulten wir hin und her, vor und zurück, und sie mussten genau wie die Schallplatten umgedreht werden.

Die kleine Schwester der Schallplatte
Die kleine Schwester der Schallplatte

Während es nur selten Schallplattenspieler gab, die dies Umdrehen robotergleich übernahmen, wurde das automatische Umdrehen der Cassetten irgendwann Standard: Autoreverse war überall, in jedem Tapedeck, auch in jedem Autoradio. Und auch in jedem Walkman.

Ja, mit dem Walkman konnten wir in unserer Jugend anfangs der 80er unsere Musik überall hören. Queen im Freibad, Trio in Dänemark, Depeche Mode auf dem Schulweg, Duran Duran auf der Schlittschuhbahn.

Die CD kommt

Ich versuche hier verzweifelt, nahezu überfordert einzufangen, wie bedeutend es plötzlich für mich zu sein scheint, auf welche Art und Weise ich wann Musik gehört habe.

Heute ist nicht nur die ganze Welt digital, Nein, wir nennen unsere Zeit sogar das Digitale Zeitalter, und das hat vermutlich gerade erst begonnen.

Schallplatten sind analoge Tonträger, Cassetten auch, die CD nicht.

Die CD ist kleiner als die Schallplatte. Kratzer führen nicht sofort zu unwiderruflichem Knistern oder sogar den verhassten Plattensprüngen.

Mama, I just killed a man, put a gun [knk] and now he’s dead.

CDs konnten ordentlich abputzt werden, mussten nicht mehr umgedreht werden, unterbrechungsfreier Musikgenuss. Keine Schmusepause, aber auch keine Lieblingsseite mehr, kein Einstieg in die zweite Hälfte.

CDs waren vor allen Dingen aber (plötzlich) digital.

Sofern eine CD frei von dicken Macken blieb, blieb die Qualität der gespeicherten Musik für immer die selbe. Egal wie oft sie abgespielt, an Freunde verliehen oder mit Bier übergossen wurde.

Während für viele der elementare (das heutige Zeitalter bestimmende) Unterschied zwischen analog und digital vermutlich nicht greifbar ist, streiten sich seit der ersten CD die Anhänger von Vinyl mit den Freunden digitaler Speicher- und Algorithmuswelten darüber, wie Musik schöner ist.

CD oder Schallplatte? Digital oder analog?

Ich für meinen Teilen habe an dieser Diskussion nie viel Freude gehabt, da ja jeder bis heute Musik hören kann, wie er will. Am Rande: Die klassische (analoge) Fotografie hat sich mit den digitalen Kameras ja auch ähnlich schwer getan.

Ich habe mich Mitte der 80er dem Trend gebeugt, mich hat das Robuste an den CDs überzeugt, und meine Affinität zu Mathematik, Technik, Computern hat sicherlich ebenfalls dazu beigetragen, dass für mich damit nun Schluss mit der Schallplatte war.

Das beste Album der Welt
Das beste Album der Welt

Pink Floyds The Wall gehörte zu meinen allerersten Schallplatten und wurde auch meine erste CD. Es folgten knapp 900 weitere.

Zwar konnte man CDs ebenso auf Cassette aufnehmen wie zuvor die Platten, aber auch in die Autos erhielten die CD-Spieler früh Einzug. Zu Anfang noch etwas empfänglich für erschütterungsbedingte Unterbrechungen, wurden die Geräte auch sehr bald ständige Begleiter. Die Dinger waren teuer und somit sehr beliebt bei Dieben. Ich erinnere, dass mir mindestens 3 Geräte geklaut wurden. Also erfanden die Erfinder Geräte, die wir nicht im Auto lassen mussten, die wir wie Handtaschen durch die Straßenzüge trugen, in Kneipen an Tischrändern und in Universitäten unter dem Sitz im Hörsaal ablegten. Etwas später mussten wir dann nur noch abnehmbare Bedienteile mitnehmen.

Ja, früher wurden Autoradios geklaut. Ständig und überall.

Auch außerhalb von Heim und Autos wurde weiterhin Musik gehört, aber immer weniger auf dem Walkman, denn dieser wich dem Discman.

Allerdings waren beide Gerätearten immer noch so groß, dass man zwar mobil war aber eingeschränkt. Joggen mit einem Discman, das gab es wohl selten.

Zumal weiterhin galt: Nach 74 Minuten ist Schluss. Wollte man also mehr Musik genießen, wollten auch neben dem Discman noch einige CDs mitgenommen werden.

2001 stellt Steve Jobs alles auf den Kopf

Musik war bereits digital, konnte auf CDs gekauft werden. Beschreibbare CDs hatten Ende der 90er längst die Cassetten verdrängt und auf den Computern hörten Nerds und Freunde der Technik Musik, die in MP3-Dateien gespeichert waren.

Musik ohne Tonträger. Nur noch als Datei.

Ende 2001 stellt Steve Jobs das erste iPod vor und das steht wohl in direktem Zusammenhang mit dem Weg, der uns ins heute geführt hat.

Knapp 15 Jahre später sind Lieder Dateien, jeder von uns hat jederzeit und überall Zugriff auf seine komplette Liedersammlung und weit darüber hinaus.

Denn während zuerst das iPod als mobiles Speicher- und Abspielgerät unserer eigenen, digitalisieren Songs diente, brauchen wir heute noch nicht einmal mehr die. Die Songs sind in der Cloud, in einer über uns schwebenden, allumfassenden Wolke, in der dir alle Lieder der Welt jederzeit und überall zur Verfügung stehen.

Ich sehe das so, dass Apple mit dem iPod einen entscheidenden Impuls geliefert hat, der uns an die Lust erinnerte, regelmäßig Musik zu hören.

Mein iPod im Rücklug von NYC in 2004 - natürlich Neubauten
Mein iPod auf dem Rückflug von NYC in 2004 – natürlich Neubauten

Diese Lust hat vermutlich Steve Jobs erahnt, bedient und einen Markt entfesselt.

Ja, heute steht dir jedes Lied immer und überall zur Verfügung. Als digitale, verlustfreie, unverwüstliche Datei.

Immer und überall.

Als digitale Datei.

Immer als Datei.

Unfassbar.

Unanfassbar.

Meine erste Vinyl seit 30 Jahren

Bei mir kann ja jeder machen, was er will. Ich aber auch. Ich mache das so: Wenn ich mir Musik kaufen möchte, kaufe ich mir immer die CD. Früher habe ich viele gekauft, heute kaufe ich wenige.

Zwar wird die dann sofort gerippt und als MP3 auf Rechner und iPhone gepackt und nach ein paar Tagen im Auto wegsortiert, aber immerhin besitze ich sie physisch. Ich kann sie, so denn ich denn will, jederzeit rausholen und anschauen; und anfassen.

Online Musik zu kaufen ist nicht meins. Es täte etwas fehlen.

Darüber im Gespräch mit einem Freund fahren wir vor einigen Monaten zu einem Konzert von Thurston Moore Chelsea Light Moving. Wir reden über Musikhören und Plattenanfassen.

Ich kaufe mir CDs, denn die sind ja digital. Die kann ich dann auch für’s iPhone nutzen. Aber Schallplatten waren früher natürlich cooler schöner.

Ich lerne in dem kurzen Gespräch, dass Schallplatten aus Vinyl wohl generell wieder im Rennen sind und die Schallplattenpresser sich etwas prima marktgerechtes ausklamüsert haben: Wenn du eine Schallplatte kaufst, bekommt du außerdem einen Downloadcode für die Songs in digitalem Format.

Meine erste Vinyl seit 30 Jahren
Meine erste Vinyl seit 30 Jahren
  • Bis dahin: Ich kaufe eine CD, die rippe ich und lege sie zur Seite, denn die Musik höre ich digital via Rechner oder iPhone.
  • Nun denkbar: Ich kaufe eine Schallplatte, lade die digitale Version legal herunter und im Regal steht statt einer CD wieder eine Schallplatte.

Alles ist besser

Ich kaufe mir auf dem Konzert meine erste Vinyl seit ca. 30 Jahren.

Ich kann die Musik wieder anfassen, wieder richtig anfassen.

Der Download am nächsten Tag funktionierte natürlich muckenlos. Die neue Platte thronte ein paar Tage sichtbar auf einer Kommode. Ey, die wollte gehört werden.

Im Keller wartete mein Technics SL-J3 seit Jahrzehnten auf diesem Moment. Ich holte ihn zur Wiederbelebung hinauf, doch ein erster Test machte es notwendig, den Helden meiner Jugend aufzuschrauben.

Mein zerlegter Technics SL-J3
Mein zerlegter Technics SL-J3

Er tat nicht, was er zu tun hatte, denn ein Antriebsriemen für den Transport des Tangentialarms, war nur noch Pulver. Stell dir ein 30 Jahre altes Gummiband vor.

Mit einem Hurra bestellte ich online den Original-Riemen für 3,50 Euro zzgl. Versand, und ein paar Tage später hatte ich wieder einen funktionierenden Plattenspieler.

Wo sind meine ganzen Platten?

Eigentlich schreibe ich diesen ganzen Blogpost nur aus einem einzigen Grund: Ich bin total happy, das Plattenhören zurück gewonnen zu haben, bin da mehr oder weniger zufällig reingestolpert und will einzig und allein darauf hinaus, irgendwie die Magie des Plattenhören zu verwörtlichen – fernab von technischem Gedöns.

Ich weiß nicht wie ich es sagen soll. Daher so viele Worte.

Von meinen damaligen Platten sind keine 100 mehr da. Vor allen Dingen fehlen mir nun einige schmerzlichst. The Wall vor allen anderen, aber auch A Day At The Races, A Night At The Opera so wie viele mehr.

Die, die noch da sind, kommen in den Tagen nach der Reparatur des Technics auf den Teller und es passiert diese Magie: Ich höre wieder achtsam Musik. Auch, wenn ich nebenbei etwas anderes mache: Als allererstes höre ich die Musik.

Aber nicht nur das: Die Platten drehen sich nun auch zu Zeiten, in denen unser Haus vorher ohne Musik war.

Der Genuss von neuer Musik ist auf Vinyl ohne Frage am größten
Der Genuss von neuer Musik ist auf Vinyl ohne Frage am größten

Während ich mir nach und nach ein paar weitere Platten kaufe …

  • Hymn To The Immortal Wind (Mono)
  • 13th Star (Fish)
  • Tommorow’s Modern Boxes (Thom Yorke)
  • The Seer (Swans)
  • Sol Invictus (Faith No More)

… fällt mir ein, wo damals ein wesentlicher Teil meiner Platten gelandet war: In den 90er Jahren verkaufte ich diese an einen guten Freund, einen Platten sammelnden Fred. Ich sammelte ja mittlerweile CDs.

Fred hat viele meiner ehemaligen Platten.

Auch das ist mittlerweile 20 Jahre her und Fred habe ich im Jahr 2000 das letzte Mal gesehen. Da das böse Internet aber nichts vergisst, finde ich Fred und um es kurz zu machen: Ich bekomme meine Platten zurück. Die hole ich im September aus München ab.

Da ich erfreulicherweise immer(!) jede(!) meiner Schallplatten eindeutig markiert habe, blättern Fred und ich dann seine Sammlung durch und ich bin echt aufgeregt, welche alten Freunde sich da wiederfinden. Auch wie viele.

The Seer war für mich eine Offenbarung - Bereits nach dem ersten Hören sicher unter meinen All-Time-Top-10
The Seer war 2013 für mich eine Offenbarung – Bereits nach dem ersten Hören (noch auf CD) sicher unter meinen All-Time-Top-10

Ein Anruf aus Lübeck und eine SMS aus Leipzig

Mein Handy klingelt. Sandra ruft an. Für ein Wochenende ist meine Frau in Lübeck, schlendert durch die Stadt und lässt mich nun per Telefon wissen:

Ich stehe gerade in einem riesengroßen Plattenladen. Kann ich dir einen Wunsch erfüllen?

Ich habe situationsbedingt überschaubar wenig Zeit für eine Antwort, krame ich den vergangensten Ecken meiner Musiksynapsen und jage Sandra in den folgenden Minuten samt Plattenverkäufer hin und quer durch die Plattengassen.

Die Ausbeute kommt 2 Tage später zu mir:

  • Fugazi (Marillion)
  • Clutching At Straws (Marillion)
  • Misplaced Childhood (Marillion)
  • Filth (Swans)
  • Vs. (Pearl Jam)
  • Quadrophenia (The Who)
  • Jazz (Queen)
  • The Joshua Tree (U2)
Wenn Deine Frau Dir zum ersten Mal Platten mit nach Hause bringt
Wenn Deine Frau Dir zum ersten Mal Platten mit nach Hause bringt

Mein Tangentialplattenspieler war seinerzeit ein Luxusgut, ich erinnere einen Preis von 900 D-Mark. Bei einem Freund werde ich aber inspiriert, auch mal wieder einen richtigen normalen Plattenspieler mit Tonarm besitzen zu wollen.

Über ebay-Kleinanzeigen ergattere ich für 100 Euro einen Technics SL-QX 300, der seitdem im Einsatz ist. Mal sehen, wie lange. Noch freue ich mich jedes Mal über den Schwenk des Tonarms.

So muss Plattenspieler
So muss Plattenspieler

Und auch dies ist passiert:

Inmitten der hier niedergeschriebenen Geschehnisse sitze ich eines abends am Küchentisch. Blick fest auf den Rechner, auf dem ich gerade programmiere.

Eine SMS aus Leipzig:

Was ist die beste Platte der Welt?

Nietzsche, ein Freund, wie man ihn nur einmal im Leben haben kann, fragt mich das. Das kommt plötzlich, denn unsere tägliche Freundschaft ist das nächste in diesem Blogpost, das so viele Jahre zurückliegt. Nietzsche ist vor über 15 Jahren weggezogen und so wurde aus unserer Freundschaft eine Geschichte, von der wir uns alle paar Monate ein wenig erzählen. Mal per Textnachricht, mal als Telefonat und leider aber wohl nicht unüblich nur sehr selten bei einem Besuch.

Die beste Platte der Welt? Sofort antworte ich:

The Wall

Das wäre immer(!) meine erste Antwort. Diese möchte ich dann vielleicht ein paar Sekunden später ergänzen, korrigieren oder zumindest kommentieren. Aber die Antwort steht.

Nietzsches Gegenantwort ist:

Wish You Were Here

Ich erzähle ihm ein wenig von meiner Vinyl-Wiederentdeckung, meinem geplanten Besuch bei Fred und als nächstes schreibt er:

Komm nach Leipzig. Kannst meine ganzen Platten haben.

Ich freu mich ungebremst. Ich kenne Nietzsche, ich kenne seinen Geschmack für Musik und es gibt einen weiteren guten Grund für einen Besuch. Gestern bin ich davon zurückgekehrt, derzeit dreht sich hier eine Platte nach der anderen und falls du ein wenig neugierig bist, was es zu holen gab, falls du den Blick in die überreichte Schatzkiste teilen willst oder falls du langweilige Videos magst. Hier sind meine knapp 100 neue Platten:

Danke!

Vinyl ist das Material, aus dem ich diesen Blogpost formen wollte, aber vielleicht erzählt er viel weniger über Schallplatten als über willkommene Wiederentdeckungen, erzählt von nachhaltigen(!) Freundschaften und großzügigen Freunden, über eine liebevollen Ehefrau und ganz besonders davon, dass es sich immer wieder lohnen kann, Experimente zu starten.

Vermutliche schreibe ich hier über Glück.

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