Mutter und Vater, Frau und Mann

Freitag, 30.6.2017 stimmte der Deutsche Bundestag ab: Nun wird es auch in Deutschland die Ehe für alle geben.

Ein sicht-, les- und hörbar enorm heiß diskutiertes Thema, mit einigen wenigen Hardlinern. Doch ein Ergebnis im Sinne der Mehrheit. Das ist den Umfragewerten zu entnehmen, nach denen ca. 75% der Bevölkerung dafür sind, homosexuellen Paaren die exakt selben Rechte zu geben, wie den Heteros. Insbesondere auch bei der Gründung von Familien.

Die Entscheidung ist gefallen. Gestern.

Ein paar konservative Politiker grunzen. Die katholische Kirche stottert. Und heute dann wird folgender Beitrag auf Facebook geteilt:

Das Recht des Kindes auf Vater und Mutter

Dort liefert Christl Ruth Vonholdt unter der Flagge Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft 10 knackige Punkte, die aufzeigen sollen, warum die Entscheidung im Sinne der Kinder eine gänzlich falsche sein soll.

Das möchte ich kommentieren.

Die in den 10 Punkten lesbare Trennlinie zwischen den Geschlechtern ist meines Erachtens Ausdruck einer tief verwurzelten Homophobie. Die Angst der Frauen, wie Männer Frauen lieben zu müssen und umgekehrt. Die Angst, dass Papa weiblich sein könnte und Mama ihren Mann steht. Die Angst, dass alles durcheinander geht, und es nicht so ist, wie es sein muss.

Dazu kommt der unumstößliche Fakt, dass die sogenannte normale Familie in der Theorie vielleicht irgendwie toll, in unserer gelebten Realität aber nahezu immer weit vom Ideal entfernt ist.

Und geht dein ganzes Chaos nicht immer von den beiden Ersten aus, die sich Mutter und Vater nennen? Ich meine, von wem denn sonst. Sofern sie überhaupt beide da sind.

Nimm Dir 10 Männer aus deinem Umfeld und versuche die Gemeinsamkeit „Mann“ unter Ihnen festzustellen, die einem Kind als Orientierung dienen sollten. Bis auf obendrein sehr unterschiedlich gestaltete primäre Geschlechtsteile und meist fehlenden Brüsten gibt es vielleicht noch den Kehlkopf.

Nimm Dir 10 Frauen aus deinem Umfeld und versuche die Gemeinsamkeit „Frau“ unter Ihnen festzustellen, die einem Kind als Orientierung dienen sollten. Bis auf sehr unterschiedlich gestaltete primäre Geschlechtsteile und meist fehlende Bärte gibt es kaum etwas.

Tatsächlich stimme ich zu, dass es für Kinder saugut ist, wenn die beiden Rollen der Mutter und des Vaters emotional und pädagogisch vertreten sind.

Aber dann bitte wiederum keinen Vater, wie er in der Kultur XYZ gelebt wird, keine Mutter, die Ihre Kinder wie bei den XYZ behandelt. Und bitte keine Mutter und keinen Vater, wie sie noch vor 100 Jahren gelebt wurden.

Allzu oft ist heute sogar der Mann die bessere Mutter, die Frau der bessere Vater, manchmal übernehmen das auch Oma und Opa in bester Manier. Und vielen Alleinerziehenden gelingt der Spagat ausgezeichnet.

Mutter und Vater: Ja, gerne.

Frau und Mann: Kann doch sowieso keiner unterscheiden.

Es reduziert sich doch auf die Frage der Rollen, nicht auf die Frage der biologischen Körper.

In unserer Kultur ist aber die Rolle der Eltern auf Mutter und Vater sogleich auf Frau und Mann festgeschrieben.

Mit Ihrem Buch Evas Erwachen – Über die Auflösung emotionaler Blindheit beschrieb Alice Miller als eine der ersten Psychologinnen die enorm große Schwierigkeit, sich selbst als Ergebnis der eigenen Eltern in Frage zu stellen, weil damit die bis dahin heiligen Eltern in den Fokus der Kritik geraten.

Du sollst doch Vater und Mutter ehren, die beide unfehlbar sind.

Den meisten ist es bis heute nicht möglich, die eigenen Eltern tatsächlich als fehlbare Menschen zu sehen, womit die eigenen Fehler also immer ihren Ursprung in mir selbst haben müssen. Der Fehler bin ich.

Kritik an meinem Selbst darf aber auch Kritik an meiner Herkunft sein, an meinen Erzeugern. Kritik an meiner Existenzbegründung, an meinen Wurzeln.

Aus kleinkindlicher Sicht sogar Kritik an meinen beiden Göttern.

So stellen wir irgendwann fest, dass Mama eine ganz andere Frau ist, als die vielen anderen Mütter und Frauen. Papa ein ganz anderer Mann, als die anderen Väter.

Wieviel Frau hat deine Mutter dich gelehrt, wieviel männliches Vorbild war dir dein Vater? Wie willst du diese Frage beantworten, während du selber kaum weißt, was Mann und Frau sind.

In diesem Geschlechter- und Rollennebel ist es die Sehnsucht nach dem einem „richtigen“ Mann als Vater und der einen „richtigen“ Frau als Mutter, die krampfhaft an einem unbedingten Bild festhalten lässt, dass es doch genau so sein sollte.

So ist es aber nicht.

Und wer sagt überhaupt, dass es so sein muss.

Der Vater ist eben kein Mann und die Mutter eben keine Frau. So ist es auch in eurer eigenen Biographie. Damit könnte es gut sein.

Aber ihr hättet ja so gerne einen Mann als Vater und eine Frau als Mutter, so unfassbar gerne, dass ihr ignoriert und verdrängt, dass es so nie war. Dabei wisst ihr nicht einmal, wie es wäre.

Ist das nicht traurig?

Trotzdem. So muss es sein. Auch bei allen anderen. Denkt ihr.

In diesem euren Leid wollt ihr darüber urteilen, dass zwei Männer nicht Vater und Mutter sein können, dass zwei Frauen nicht Mutter und Vater sein können?

Schaut euch eure eigenen Eltern an, das bisschen Mann, das Vater war, und das bisschen Frau als Mutter, die euch aus euch gemacht haben. Das soll euer Maßstab sein?

Wollt ihr heute wirklich über andere Eltern urteilen?

Geh‘ hoch auf dein Zimmer und denk nochmal drüber nach.

You know nothing.

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