Lego mio!

In einer Zeit, in der in Frankreich noch mit der Guillotine hingerichtet wurde, besaß ich bereits eine beachtliche Legosammlung. Das ist fast 40 Jahre her. Da waren Häuser, Autos, Boote, noch mehr Häuser, eine Eisenbahn und noch mehr Häuser.

Viele Bettlaken wurden zu vollumfänglichen Bebauungsplänen und alle selbstgebauten Legolocations wurden hierauf mit einem komplexen Straßennetz verbunden.

Lego wie in den 70ern

Das alles in einer Zeit, in der Legosteine zu 90% rot waren und 2 mal 4 Nöppel zählten.

In den darauffolgenden Jahren wechselte ich dann zu Lego Technic, aber das ist eine andere Geschichte. Nur so viel dazu: Wenn ich doch nur wüsste, wohin ich mein Lego Technic vererbt habe. Ich wäre bereit, heute einen Preis dafür zu zahlen. Eine andere Geschichte.

Letzte Woche kam über die verworrenen Wege meiner Herkunftsfamilie ein Teil des ersten, normalen Legos zurück zu mir. Gefangen in einem uralten, zermürbten Karton, der auf den Außenseiten für exotische Grillwürstchen warb. Das Jahrzehnte alte Lego innerhalb des Kartons war umgeben von einer Patina, die vor ansteckenden Krankheiten warnte.

Unboxing Geschichte

Erstaunlicherweise blieb jeder melancholische Impuls aus. Kein ‚Oh, das blaue Motorrad, dass Papa mir damals an dem verregneten Ferienhauswochenende in Travemünde gekauft hat‘. Zu viele Teile waren kaputt, viel zu viele waren kaputt. Einige sogar fremd.

Das Ziel war allerdings bereits erklärt: Das Lego soll  für unsere Kinder wieder zu Spielzeug werden. Wie bereits mit meinem Lego Technic Auto aus den 80ern würden wir alle Teile durch einen Waschmaschinendurchlauf entkeimen und zu nahezu altem Glanze verhelfen. Allerdings mussten hierfür erst noch alle Teile komplett auseinandergebaut werden: halbe Häuser, Wohnwagen, Autos und kryptische Kunstwerke.

Lego wie in den 70ern

Kurzum: In knapp 2 Stunden habe ich jedes einzelne Teil einmal in der Hand gehabt, und genau die ganzen Kleinteile die kein Lego waren ermunterten mich, diesen Blogbeitrag blogzubeitragen.

Außer Lego

Verrückt. Verrückt vor allen Dingen, wie schnell ich zum Teil wusste, was ich da wieder in meinen Fingern hielt: Ein Fuß einer Play-Big-Figur, dem damaligen Konkurrenten von Playmobil, bei dem man sogar Hände und Füße bewegen konnte. Aber bis auf einen einzelnen Fuß ist nichts mehr da. Dabei hatte ich sogar diesen sagenhaften, knallroten Viererbob. Wartet. Falsch. Der Ski gehört auch sicher zu Play-Big. Fuß und Ski. Eine Murmel durfte im Karton genauso wenig fehlen, wie eine Mensch-ärger-dich-nicht-Figur und ein Würfel. Aber ein zweiter Würfel mit ganz anderen Zahlen? Krass. Der kleine rote Schraubdeckel kann nur zu einer Underbergflasche gehören. Davon hatten wir damals Trillionen. Der kleine Soldat hat kein Gewehr mehr. Und was ist das für ein Fisch? Von meiner damaligen Hit-Car-Bahn ist einzig und allein ein halber Verbinder übrig geblieben. Von meiner elektrischen Autorennbahn von Stabo Car waren nur noch Klitzekleinteile da. Das seltsame N ist vermutlich genau das, dass Jahre später immer wieder bei Schmidteinander fehlen würde. Logischerweise ist auch Spielgeld im Spiel, allerdings nur 5 Pfennig, ein halber Groschen. Und dann plötzlich Fischer Technik: Zwei Steine, (Zahn)räder und ein grüner Stecker. Ein weiteres Rätsel ist die kleine rote Kugel mit Zapfen. Ein Rätsel anderer Art stellen die beiden Kronkorken von Bierflaschen auf. In die Twilightzone geht es dann mit vier, fünf Bauteilen von etwas, das wie Lego sein will aber kein Lego ist. Woher kommt das?! Ganz klar zuordnen kann ich den Kram von Playmobil: Eine Bank für eine Wild-West-Kutsche, ebenso Hüte und Halsbänder aus ebenselber Epoche sowie eine Spitzhacke und eine Laterne. Und ein Sattel. Sturm im Kopf habe dann bei diesem weißen Ding: Nichts habe ich mir als Kind mehr gewünscht als Avalanche und es – ich schwöre – nie bekommen. Aber in der Kiste finde ich etwas, von dem ich sofort weiß, dass es eine einsame Wippe meines unerfüllten Kindheitstraumes ist!? Obligatorisch ist das wieder ein einfacher Holzklotz und eine kleine blaue Figur, die „Überraschungsei!“ schreit, ja, die gab es ab 1974. Putzig ist das Paar unterschiedlicher Schuhe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ebenfalls sicher in keinerlei verwandtschaftlichen Bindung zu Lego stehen vier solide Zahnräder. Und für den Schluss habe ich mir einen kleinen türkisen Spielstein ausgesucht, den ich hiermit den feinen vier Kerls widme, mit denen ich derzeit Risiko Evolution zocke.

Lego wie in den 70ern

Der kleine Türkise, meine lieben Freunde, kommt aus der Vergangenheit.

Entzückend sind natürlich auch die historisch anmutenden Teile von Lego. Vom Bootsrumpf über das Eisenbahnchassis nebst einzelner Schiene bis hin zu der hinreißenden Anhängerkupplung. Ebenso schmunzeln machen das alte Radwerk, Körperteile von unerinnerten Großfiguren sowie all diese Fenster und Türen. Sogar fünf, sechs Teile Lego Technic haben sich eingekistet.

Lego wie in den 70ern

Auf dem Wege der Besserung

Alle Bauplatten haben wir im Garten bereits handfest abgeschrubbt.

Lego wie in den 70ern

Derzeit packen wir in jeden normale Waschmaschinengang einen kleinen Wäschebeutel mit einer handvoll Teile, die seit Tagen in einer Waschlauge aufweichen, und schleusen so das Plastik der Vergangenheit in ein wieder spielbares Heute. Dabei geht allerdings so einiges mittlerweile unbrauchbar oder unreinbar in den Müll.

Lego wie in den 70ern

Doch das allermeiste hat es nicht einmal in die Kiste geschafft und liegt immer noch am ganz klar besten Platz für mein Lego auf der ganzen Welt: weit ausgebreitet auf dem Boden eines bunten Zimmers vor fast 40 Jahren.

4 Antworten auf „Lego mio!“

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