Ein kleiner Junge liegt am Strand

Quelle Titelbild: assets.nydailynews.com

Und Du kotzt?

Du [Zitat]kotzt[/Zitat], so schreibst Du, und Du, und Du, und Du. Wortwörtlich. Wortwörtlich kotzt Du, weil das Bild gezeigt wird, weil sich nicht jeder Deinem Argument anschließt, dass damit die Würde des kleinen Kerls mit Füßen getreten wird. Du kotzt, weil sich keiner Deinem Argument anschließt, dass die stille Trauer der Eltern dadurch zur Unmöglichkeit wird. Du kotzt, weil sich keiner Deinem Argument anschließt, dass Bild und Junge instrumentalisiert werden, zum populistischen Zwecke der Medien.

Du kotzt, weil sich keiner Deinem Argument anschließt, dass das Bild damit ja zum Futter aller wird, die den kleinen Kerl nun sogar verhöhnen – durch falsche Begleitaussagen und durch unfassbar widerwärtigste Collagen und Bildverfremdungen.

Und zuletzt kotzt Du, weil Facebook immer noch nicht reagiert: Zwar führt jeder einzelne Nippel sofort zur Mahnung, Abmahnung, Löschung, Sperrung, aber die derzeit augenscheinlich ausufernden Hasstiraden und menschenverachtenden Kommentare und Bilder jucken Zuckerbergs Plattform eher nicht. Und Du kotzt.

Warte mal kurz, bitte: Du kotzt also, weil das Bild des kleinen Kerls gezeigt wird, weil Arschlöcher es missbrauchen und Facebook das alles nicht juckt?

So ist es wohl

Die Lakonie eben dieser kühlen Schlauheit ist das letzte, das Trauernde, Wütende, Verletzte oder Deprimierte hören wollen. Es hat noch nie geholfen, wenn ein Drama mit „So ist es wohl“ kommentiert wurde.

Denn wenn etwas kaum nicht auszuhalten ist, willst Du ja unbedingt, dass es genau anders sei, und in keinem Fall willst Du ja die resignierte Bestätigung dafür, das es eben genau so bleibt, nicht zu ändern ist.

Nicht zu ändern ist aber leider, dass es keine richtige Antwort auf die Frage gibt, ob die schlimmsten aller Fotos in den Medien gezeigt werden sollten oder nicht.

Nicht zu ändern ist leider, dass es immer einige unausstehliche Arschnasen und unterbemittelte Vollidioten sowie geschmacklose Unclowns geben wird, die nicht so sind, wie der empathische, vernünftige, bedachte und herzlich gute Mitmensch; genau so einer wie Du.

Nicht zu ändern ist leider auch, dass Facebook eine privat betriebene Plattform ist, die (unter geltendem Recht) machen darf, was sie will; egal, ob es Dir gefällt oder nicht. Du bist dem ausgeliefert, aber Du kannst jederzeit gehen. So wie Du auf einer Party dem DJ ausgeliefert bist. Tanz oder geh.

Facebook it’s Marc’s party. But you can cry if you want to.

Das gilt es auszuhalten.

Das auszuhalten könntest Du sogar schaffen.

So muss es aber nicht sein

„Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Gelassenheitsgebet)

Es ist zu ändern, dass Kinder im Mittelmeer ertrinken.

Es ist zu ändern, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Es ist zu ändern, dass Niedertracht lauter hallt als Nächstenliebe.

Ich könnte kotzen, weil ein Kind gestorben ist, während Du Dich über Medien, Vollidioten und Facebook aufregst.

Ich könnte kotzen, weil ein Kind gestorben ist, während Du und ich, Deutschland und Europa debattieren statt zu re/agieren.

Weil wir Angst haben.

Vielleicht tut es Not, dass uns das ab und zu vor Augen geführt wird.

Damit sich etwas ändert.


Dieser Beitrag ist eine spontane Reaktion auf

„Facebook! Warum lässt du so etwas zu? Uns fehlen die Worte! Solche Anfragen inkl. Bilder bekommen wir zu sehen. FACEBOOK warum lässt du das zu? Zur Erinnerung liebes Facebook! Dies sind DEINE GEMEINSCHAFTSSTANDARDS von Facebook!“ (mimikama)

und

„War es Instrumentalisierung, als 1972 das Bild der nackten Phan Th? Kim Phúc um die Welt ging, die mit schweren Napalm-Verbrennungen aus ihrem zerstörten Dorf floh? Es war „doch nur ein“ kleines Mädchen, wo in diesem Krieg vielleicht in der selben Woche tausend andere Kinder starben. Und sie erlitt „nur“ furchtbare Verbrennungen wo viele andere starben.“ (Markus Breuer)

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